Kristian nimmt einen (leider anscheinend nicht mehr im Netz verfügbaren) Artikel in der Westfalenpost zum Anlaß,
einen Teil mit dem Ganzen gleichzusetzen. Im konkreten Fall sind der Teil die Amtskirchen (insbesondere die katholische), und das Ganze der christliche Glaube.
Dieses Argumentationsmuster ist mir schon häufiger begegnet, und ich als (evangelischer) Christ verstehe den Gedankengang dahinter bis heute nicht. Um die gängigen Vorurteile gleich abzuspulen: Ja, die Kirche hat einige äußerst dunkle Flecken in ihrer Geschichte. In ihrem Namen ist gemordet, geplündert und gebrandschatzt worden. Andersdenkende wurden verbrannt oder zu Tode gequält (die
Wiedertäuferkäfige an der Lambertikirche in der
lebenswertesten Stadt der Welt sprechen da noch heute eine deutliche Sprache), Anhänger der "falschen" Religion verfolgt und ermordet, unliebsames Wissen zensiert und unterdrückt. Und viele Würdenträger besonders der katholischen Amtskirche vertreten auch heute noch Ansichten, für die "konservativ" eine sehr wohlwollende Bezeichnung ist.
Das alles ist wahr. Aber deshalb allen Christen zu unterstellen, sie seien Anhänger eines reaktionären Systems und treue Gefolgsleute fundamentalistisch-reaktionärer Institutionen ist für mich in etwa auf einer Ebene mit der Argumentation "Ihr Deutschen habt die beiden großen Weltkriege angefangen und die Juden umgebracht und seid ausländerfeindliche Wähler rechtsradikaler Parteien."
Der christliche Glaube, mit dem ich mich identifiziere, hat nichts mit blindem Gehorsam gegenüber irgendwelchen Menschen mit großen Amtstiteln zu tun, aber dafür sehr viel mit eigenem Nachdenken. Dieses eigene Nachdenken ist unbequem, weil man dabei nämlich über Ungereimtheiten stolpert und daran arbeiten muß, diese einzuordnen. Und ich behaupte nicht, daß ich das in allen Fällen kann, ganz im Gegenteil. Aber gerade deshalb ist der christliche Glaube für mich attraktiv, weil er meinem Weltbild entspricht. Diese Welt ist nämlich deutlich zu komplex für einfache Lösungen und offensichtliche Regeln.
Einer der vielbeschworenen "christlichen Grundwerte" ist übrigens Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen. Es ist wahr, daß viele Fundamentalisten diese Toleranz vermissen lassen. Aber das ist ein Merkmal, das auf alle Fundamentalisten zutrifft - nicht nur auf die christlichen. Und deshalb ist das Fehlen dieser Toleranz etwas, das gegen Fundamentalismus spricht, und nicht gegen das Christentum.
Übrigens, mich stört der Hype, der um den Weltjugendtag gemacht wird auch. Und die Generalabsolution halte ich persönlich für Unfug - denn kein Mensch kann einem anderen Menschen die Sünden vergeben. Das kann nur Gott. Die schlechte Nachricht ist: Ich kann nicht beweisen, daß er existiert. Aber die gute Nachricht ist: Ich muß es auch gar nicht können. Es reicht, daß ich daran glaube.
Und das tue ich.
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