Bei
Spiegel Online prügeln Milchmädchen auf die Bahn ein - jedenfalls muß man das glauben, wenn man den verlinkten Artikel mit offenen Augen und
etwas Hintergrundwissen liest.
Mir liegt es fern, die DB Netz AG als Engel des Schienennetzes darzustellen - das ist sie nun wirklich nicht. Es gibt genug Beispiele dafür, daß DB Netz für die Steigerung der Unternehmensrendite quasi über Gleisleichen geht, indem sie trotz einer massiven Steigerung des Transportvolumens im Güterverkehr Ausweichmöglichkeiten rupft, Bahnhöfe auf den Minimalbestand zurückbaut und auch ansonsten gerne solange das Netz vergammeln lässt, bis das Eisenbahn-Bundesamt mal dazwischenfunkt. Es gibt also genügend Gründe für Kritik an diesem Unternehmen. Aber wenn man schon kritisiert, dann sollte man doch seine Hausaufgaben machen und nicht schlampig solche Dinge schreiben:
Laut Eisenbahn-Bundesamt bestehen mehr als 6000 Kilometer Gleise, das sind rund 18 Prozent des Streckennetzes, aus veralteten Schienen der Kategorie "S 49". Zu einem großen Teil wurden die Gleise aus bruchanfälligem Thomasstahl gefertigt. Dieses bis in die siebziger Jahre hinein verwendete Material war auch verantwortlich für den Bruch von RWE-Strommasten im Münsterland vor knapp zwei Jahren.
An diesem Absatz sind gleich mehrere Dinge falsch:
- "S 49" ist keine Schienen"kategorie", sondern die Bezeichnung für ein Schienenprofil - nämlich für eins mit 49 kg/m Gewicht. Dieses Profil wird aber schon seit 1963 nicht mehr als Standard verbaut (sondern das schwerere "S 54", auf Haupt- und Schnellfahrstrecken das noch schwerere "UIC 60") und ist nur noch auf schwach befahrenen Nebenstrecken und Bahnhofsgleisen anzutreffen - überall anders sind die Schienen nämlich längst wegen Abnutzung ausgetauscht worden.
- 6000 Kilometer Gleise sind zwar 18 % des Streckennetzes - aber diese Aussage entspricht etwa "zwei Äpfel sind teurer als fünf Birnen". Da das Profil "S 49" auf Hauptstrecken nur noch in Bahnhofs- und Nebengleisen anzutreffen sein dürfte, müsste man korrekterweise mit der Länge des Gleisnetzes vergleichen - und diese betrug Ende 2006 62.948 km. Huch, auf einmal sind aus den 18% nur noch 9,5% geworden - so ein Pech aber auch (wenn man bauernfängerische Schlagzeilen machen will).
- Die S 49-Schienen mögen aus Thomasstahl bestehen - aber die Analogie zu den Strommasten in Münsterland ist trotzdem irreführend. Im Gegensatz zu diesen wird der Stahl einer Eisenbahnschiene deutlich geringer mit Zugkräften belastet - woher sollten diese auch kommen? Und selbst wenn eine Schiene unter Belastung (durch das rollende Rad, oder temperaturbedingt) einmal brechen sollte - dann wird der entstandene Schienenstoß halt erst einmal mit einer Laschenverbindung gesichert und dann ggf. noch geschweißt. Wir reden hier ja über Nebenstrecken und -gleise, mit entsprechend geringen Geschwindigkeiten.
Fazit: Wenn man genau hinschaut, enthält allein dieser Absatz schon massive handwerkliche Fehler. Ich will der Spiegel-Redaktion nun keineswegs absichtliche Irreführung ihrer Leser unterstellen, aber wenn man sich mit einem Thema nicht auskennt, sollte man vielleicht vor der Veröffentlichung mal jemanden fragen, der dies tut.
Die Aussage über die abgängigen Eisenbahnbrücken im nächsten Absatz erscheint unter diesen Voraussetzungen ebenfalls fragwürdig. Ich bezweifle die absoluten Zahlen zwar nicht - aber daß eine Brücke das Ende ihrer "technischen Nutzungsdauer" erreicht, bedeutet nicht automatisch, daß sie zwingend ersatzbedürftig ist. Dann dürfte es nämlich auch keine Steinbrücken aus dem Mittelalter oder gar aus der Römerzeit auf unseren Straßen mehr geben.
P.S.: Auch Blogger könnten übrigens erst einmal nachrechnen, bevor sie sich als Milchmädchen disqualifizieren...