Monday, August 11. 2008
So sah die Abfahrtstafel in Stuttgart Hauptbahnhof an einem Morgen aus, an dem sich vermutlich jemand entschieden hatte, im Bereich von Vaihingen an der Enz in lebensverkürzender Absicht etwas Zug bekommen zu wollen.
Nur für den Fall, daß mir jemand ob des Ausdrucks "etwas Zug bekommen" mangelnden Respekt gegenüber Suizidenten vorwerfen möchte: Ich wünsche jedem, der unter Depressionen leidet, daß er Hilfe findet, die wirksam ist - ich weiß sehr gut, daß man da ohne Hilfe von außen nur sehr schwer wieder rauskommt, und daß das für den Betroffenen und sein Umfeld eine sehr schwere Situation ist. Mein Verständnis und mein Mitgefühl hören aber an dem Punkt auf, an dem er für einen Suizid einen anderen Menschen als Werkzeug mißbraucht - ohne dessen Einverständnis, gegen dessen Willen.
Denn nichts anderes ist ein "sich vor den Zug werfen": Der Lokführer, der da mit mehreren hundert Tonnen Stahl im Rücken, beschleunigt auf bis zu 250 km/h (auf einzelnen Strecken noch darüber hinaus) und mit einem daraus resultierenden Anhalteweg von weit über einem Kilometer ankommt und den Menschen im oder am Gleis sieht, dieser Lokführer weiß, daß er gleich einen anderen Menschen in den Tod reißen wird, und daß er nichts dagegen tun kann, was auch immer er unternimmt. Rein statistisch passiert das jedem Triebfahrzeugführer ungefähr viermal in seinem Berufsleben - wenn er denn jedes Mal psychisch verkraftet. Es gibt Menschen, die steigen schon nach dem ersten Selbstmörder endgültig von der Lok ab und stehen vor den Scherben ihres eigenen Lebens.
Man mag darüber streiten, ob es ein moralisches Recht darauf gibt, sein Lebensende selbst zu setzen. Aber selbst wenn: Niemand hat das Recht, dies auf eine Art und Weise zu tun, die auch noch das Leben eines anderen Menschen zerstört. Und niemand kann von mir Verständnis dafür erwarten.
(Und ich habe noch nicht von den Leuten von Polizei, Rettungsdiensten und Bestattungsunternehmen gesprochen, die den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes einsammeln müssen - oder von den Leuten im Betriebswerk, die nach unten offene Fahrzeugteile begutachten und ggf. reinigen müssen...)
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