Heute beim Mittagessen in der Firma kam das Gespräch auf die Thesen realitätsferner deutscher Verleger zur Unterstützung der notleidenden Qualitätspresse. Die sozialistischen Anwandlungen des Herrn Burda riefen allgemeines Erstaunen hervor - wir hatten nicht erwartet, daß sich dieser Patriarch der deutschen Großpresse so sehr für die Belange notleidender Schüler- und Arbeitslosenzeitungen einsetzt, die ja unzweifelhaft ebenfalls zu den gedruckten Medien zählen.
Bei weiterem Nachdenken kamen wir auf eine viel marktwirtschaftlichere Alternativlösung: Konsumgutscheine!
Die Infrastruktur für die Verteilung ist bei den Verlagen ja schon vorhanden, schließlich bietet praktisch jede überregionale Zeitung ein Gutscheinabonnement an. Selbst die Boulevardblätter dürften innerhalb ihrer Verlagsfamilie eine solcherart arbeitende Zeitung haben, an deren Vertriebs-Infrastruktur sie sich anhängen können. Man müsste also einfach wie gehabt die Gutscheinhefte an die potentiellen Leser verschicken, nur daß diese dafür nicht mehr zu zahlen hätten - das täte der Staat.
Eine objektgebundene Ausgabe der Gutscheine würde zudem verhindern, daß Konsumenten aus der Schicht der gehobenen (Erb-)Bourgeoisie die bereitgestellten Mittel in Zigarren, Rotweine und andere ebenso kalorienreiche wie gesundheitsschädliche Genußmittel ausländischer Provienienz umsetzen, um mit diesen dann beim Klang obskurer Komponisten des 17. Jahrhunderts im Ledersessel der Hausbibliothek dahinzudämmern, anstatt die beabsichtigte Sanierung deutscher Verlagshäuser mit Tendenz zum Qualitätsjournalismus und aufwändiger, tiefgehender Recherche zu unterstützen.
Es erscheint wirklich unverständlich, warum Herr Burda nicht diese ebenso einfache wie geniale Lösung des Problems vorschlägt, anstatt dem Staatssozialismus im Bereich der Presse das Wort zu reden.
Ich verlinke mittlerweile ja eher selten einfach nur auf Artikel in Online-Newstickern - meine Stammleser lesen vermutlich ohnehin sehr ähnliche RSS-Feeds wie ich, und mit inhaltsleeren Verlinkungen nach Klicks zu gieren ist mir einfach zu doof.
Denn dieser Artikel erklärt kurz und dicht, was da eigentlich gerade passiert. Warum auf einmal sogar Eltern und Opfer von Kindesmissbrauch sich gegen eine als "Schutz vor Kinderpornographie" verkaufte Gesetzesinitiative wenden - von den mittlerweile über 100.000 (in Worten: einhunderttausend!) Mitzeichnern einer Petition, die sich mit ihrem vollen Namen ebenfalls dagegen aussprechen, ganz zu schweigen. Sie alle äußern sich gegen einen Gesetzenwurf, der in Wahrheit bestenfalls ein Placebo ist, ein eklatanter Verstoß gegen Grundsätze unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung:
Die Unterzeichner der Netzpetition sind nicht für Kinderpornografie im Netz. Sie halten von der Leyens Filter nur für keine sinnvolle Lösung, weil er die Quellen der schlimmen Bilder unberührt lässt, weil er sich leicht umgehen ließe - und sie wehren sich dagegen, dass künftig eine Polizeibehörde als oberster Zensor über falsch und richtig im Netz entscheiden soll. [...] man stelle sich vor, eine Regierung versuchte heute, kurz vor einer Bundestagswahl, noch schnell ein Gesetz durchzupeitschen, das Folgendes vorsieht: Jedes Druckwerk, das in Deutschland erscheint, jede Zeitung, jedes Buch und jedes Flugblatt, muss künftig dem BKA zur Beurteilung vorgelegt werden. Das erstellt dann Listen mit Druckwerken, die zu übel sind, um publiziert zu werden. Geheime Listen.
Das Land wäre in Aufruhr.
Das alles sollte man sich in aller Ruhe durchlesen - gerade dann, wenn man nicht zu den typischen Lesern dieses Blogs gehört, gerade dann, wenn man ansonsten mit dem Netz nicht viel zu tun hat. (Und wenn man gerade schon dabei ist, kann man gleich bei der Petition weiterlesen und überlegen, ob man sie mitzeichnen möchte.)
Mag sein, daß das hier gerade ein Strohfeuer ist, ein Sturm im Wasserglas, in einem halben Jahr vergessen. Vielleicht war der leyenhafte Versuch, wieder einmal von außen und frei von jeder Sachkenntnis über das Netz zu bestimmen aber auch der Tropfen, der das Faß endgültig zum Überlaufen gebracht und eine kritische Masse der Netzbewohner zu nachhaltigem politischemHandeln bewegt hat.
Die Tagesschau kämpft im Moment anscheinend massiv mit ihrer Technik. Was damit begann, daß sie beim Bericht über ein Fußballspiel unter falscher Flagge segelte und sich dann über eine total verkorkste Sendung fortsetzte, hat auch heute mittag wieder zugeschlagen.
Andererseits hat es sicherlich nicht nur bei mir für laute Lacher gesorgt, daß die Moderatorin mit einem Bericht über den WM-Sieg von Wladimir Klitschko begann, während im Bild hinter ihr Papst Benedikt XVI. auf der Gangway eines Flugzeuges in Australien zu sehen war.
Zwischen den beiden besteht dann doch ein gewisser Unterschied...
[...] traditionelle, vor allem am Rundfunk ausgerichtete Modelle der Medienregulierung über den Haufen geworfen [...]
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Auch die Feststellung, daß im Bereich der Medienregulierung
[...] nationale Systeme nur noch von begrenztem Wert sind [...]
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ist ja grundsätzlich nicht zu beanstanden. Die Schlußfolgerungen, die Herr Schneider dann daraus zieht, lassen es mir dann allerdings nur noch kalt den Rücken herunterlaufen und zeugen von zwei möglichen Alternativen:
Entweder er hat nicht verstanden, wie das mit dem Internet eigentlich funktioniert. Daß hier jeder Sender und Empfänger gleichzeitig sein kann, daß Dinge wie die Grenzen von Nationalstaaten oder klassischen Kulturräumen zusehends an Bedeutung verlieren und sich Menschen aufgrund ihrer Interessen zusammenfinden. Daß jeder sein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung einfach so wahrnehmen kann und (das ist das Neue) auch gehört wird - ohne daß ein millionenschwerer Presseapparat hinter ihm stehen muß. Daß man einfach so Zugriff auf Informationen haben kann, von denen man früher nicht einmal wußte, daß es sie gibt - und damit ist nicht nur Wissen gemeint, sondern auch das, was man gemeinhin unter "Kultur" (ja, mit einem großen Anteil "Populärkultur" dabei) versteht.
Oder er weiß das alles sehr gut - und es macht ihm Angst. Angst, die Macht über die Köpfe, die Deutungshoheit zu verlieren. Und in dieser Angst schlägt er wild um sich, aus Verzweiflung - weil er weiß, daß er angezählt ist. Er und alle, die gedanklich seinem Medienmodell verhaftet sind.
Ich weiß nicht, welche der beiden Alternativen mir mehr Angst macht.
Mit Dank an das Lawblog für den Hinweis auf das dnt IPdio mini und das aktuelle Sonderangebot bei Karstadt. Das letzte Exemplar aus Karlsruhe ist jetzt meins, und ich kann endlich auch im Wilden Süden wieder meinen Heimatsender hören...
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