Monday, November 9. 2009
... saß ich vermutlich mit meinen Eltern beim Abendessen, in einem kleinen westfälischen Dorf. Weit weg von der DDR, noch viel weiter weg von Berlin. Ohne Bindungen dorthin, sieht man einmal davon ab, daß meine Klasse sich für das nächste Jahr eine Klassenfahrt nach Berlin (West) ertrotzt hatte.
Natürlich hatte ich mitbekommen, daß da in der DDR irgendetwas im Gange war. Ich interessierte mich für Politik, las Zeitung, hörte Radio und schaute die Nachrichten im Fernsehen. Daß sich etwas änderte, das war für jeden klar, der mit offenen Augen durch die Gegend ging. Nur die Richtung, die war nur sehr grob erkennbar, wenn überhaupt. Und die rasante Beschleunigung der Entwicklung war nicht einmal zu erahnen. Ich erinnere mich an eine Aussage meines Vaters, der Krieg, Vertreibung und Teilung am eigenen Leib erfahren hatte, in diesem Sommer: "Wenn ihr Glück habt, wird eure Generation die Wiedervereinigung vielleicht noch erleben. Ich mit Sicherheit nicht mehr." Damals war er 58.
So richtig klar, daß da gerade etwas Weltbewegendes passiert war, wurde es mir erst am nächsten Morgen. In der ersten Stunde hätten wir Mathe gehabt, bei unserem Klassenlehrer. Er kam rein, schloß die Tür, legte das Buch auf den Tisch, und nach dem üblichen "Guten Morgen" sah er uns an und meinte: "Wenn ihr glaubt, daß wir jetzt Mathe machen, dann habt ihr euch geirrt. Es ist etwas passiert, über das wir reden müssen." Und das haben wir dann auch, die ganze Mathestunde lang.
Am Nachmittag habe ich dann auch die Bilder gesehen. Bei einem Freund in einem anderen Ort, den ich häufiger nach der Schule besucht habe. Normalerweise waren wir viel draußen unterwegs, aber an diesem Tag haben wir sehr lange vor dem Fernseher gesessen. Es hat lange gedauert, bis wir richtig begriffen haben, was da eigentlich gerade passierte.
Im Januar 1990 muß es gewesen sein, als ich im Fernsehen gesehen habe, wie östlich von Ratzeburg ein neuer Grenzübergang geöffnet wurde. An einer Stelle, an der ich 1986 selbst gestanden hatte, wo die Straße auf einmal wie abgeschnitten im Nichts aufhörte. Ein Schlagbaum, dann Rasen, und dann ein großer Zaun. Jetzt fuhren da Autos über eine ganz neue Straße, durch ein Loch im Zaun. Das war vielleicht der Moment, wo ich erst so richtig persönlich begriff, was das alles bedeutete: Daß ziemlich viel von dem, was ich 15 Jahre lang als unumstößlich angesehen hatte, in Zukunft nicht mehr gelten würde.
Nach Berlin sind wir dann gefahren, im August 1990. Es war merkwürdig, die Stadt war nicht mehr geteilt, aber irgendwie trotzdem noch. Von der Mauer habe ich nur noch Reste gesehen - irgendwo muß ich noch eine Tüte mit Bröseln haben, mehr war damals schon nicht mehr da. Aber der kahle Streifen durch die Stadt war noch da, und irgendwie war der Osten... anders.
Seitdem war ich oft in den neuen Bundesländern, habe Freunde dort gefunden, Urlaube verbracht, und vor allem Berlin immer wieder gesehen. Ich bin gerne dort. Und trotzdem, irgendwie halte ich immer noch Ausschau nach Spuren einer Grenze, die heute vor 20 Jahren zu fallen begann. Und auch wenn es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, irgendwas ist immer noch da.
Dinge, die man als Kind gelernt hat, können ganz schön hartnäckig sein.
Thursday, October 30. 2008
In etwas weniger als einer Stunde wird die Anzeigetafel auf dem Foto den letzten Abflug löschen und danach für immer schwarz und leer bleiben. Damit endet der Flugbetrieb auf dem ältesten noch in Betrieb befindlichen Verkehrsflughafen in Deutschland - beeindruckendes Denkmal und Anachronismus zugleich. Es bleibt zu hoffen, daß für Gebäude und Gelände eine sinnvolle, möglichst viel von der Atmosphäre erhaltende Nachnutzung gefunden wird. Die Anwohner werden jedenfalls dankbar sein, keine Flugzeuge mehr über ihren Dächern zu haben...
Mehr Bilder von Tempelhof gibt es bei Isotopp.
Tuesday, June 3. 2008
Im Gedenken an die Opfer des ICE-Unglücks von Eschede, heute vor 10 Jahren - und an die Helfer, haupt- und ehrenamtliche gleichermaßen, die dort eine kaum vorstellbare Leistung vollbracht haben.
Und in der Hoffnung, daß dieses Unglück jedem, der mit Technik umgeht oder über sie entscheidet, egal ob technisch oder kaufmännisch, die eigene und höchstpersönliche Verantwortung für seine Handlungen und Entscheidungen bewußt macht.
Wo Technik katastrophal versagt, hat in den meisten Fällen vorher ein Mensch versagt.
Monday, November 26. 2007
 Am 8. Dezember geht eine Ära zu Ende: Mit der Linie 15 wird die letzte Stuttgarter Meterspur-Straßenbahnlinie auf (Normalspur-)Stadtbahnbetrieb umgestellt. Für den Abschnitt Zuffenhausen - Stammheim bedeutet das zugleich eine zeitweilige Stillegung: Da die Stadtbahnwagen nicht durch die Eisenbahnunterführung an der Zahn-Nopper-Straße passen, wird auf diesem Abschnitt ein Tunnel gebaut, und dieser Bau dauert einige Zeit.
Mit dem Ende der Linie 15 geht auch die Ära der GT 4 zu Ende. Bei der Inbetriebnahme 1959 zuerst als viel zu große Monsterkonstruktion gescholten, sind die Straßenbahnwagen in den vergangenen 48 Jahren zu einem Stuttgarter Wahrzeichen geworden. Die Hoffnung des Herstellers, mit dem speziell für Stuttgart konstruierten Fahrzeug auch bei anderen Verkehrsbetrieben ins Geschäft zu kommen, erfüllten sich kaum. Nur Freiburg, Reutlingen und Neunkirchen (Saar) bestellten ähnliche Fahrzeuge, in viel geringeren Stückzahlen. Eine größere Karriere war dem Triebwagen erst als Gebrauchtfahrzeug beschieden: In Stuttgart durch die Umstellung des Netzes auf Normalspur überflüssig geworden, verschlug es sie in diverse deutsche Städte, nach Rumänien und sogar nach Japan. Dort fahren sie zum großen Teil immer noch - unverwüstliche schwäbische Wertarbeit.
Wer die Straßenbahn mit dem typischen Heulen der Fahrmotoren noch einmal im Linienbetrieb in ihrer angestammten Heimat erleben möchte, muß sich allerdings beeilen: Am 8. Dezember fährt um 12 Uhr die erste U 15, und um 22:10 Uhr wird in Stammheim die endgültig letzte Straßenbahn der Linie 15 ohne U verabschiedet. Danach werden die GT 4 nur noch als Museumsexemplare zu erleben sein - oder eben in mehr oder weniger östlichen Gefilden.
Auch wenn die Stadtbahn für die Fahrgäste, die täglich mit ihr fahren, mit Sicherheit ein großer Fortschritt in Sachen Komfort ist (und für manche die Nutzung dieser Linie überhaupt erst möglich wird - 1959 dachte man noch nicht an behindertengerechte Konstruktionen) - irgendwie wird mir etwas fehlen, wenn keine 15 mehr am Hauptbahnhof durch die engen Kurven quietscht, am Charlottenplatz am Hochbahnsteig vorbeiheult oder zur Ruhbank emporklettert...
Wednesday, November 14. 2007
 Am Ende des Lebens derjenigen, die diesen Satz sagte, standen über 70 Bücher, Drehbücher und Theaterstücke, übersetzt in 68 Sprachen und mit einer Gesamtauflage von über 120 Millionen Exemplaren, die immer noch wächst. Heute wäre Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden. Eine Frau, die immer ihren eigenen Kopf und ihren eigenen Willen hatte, die gegen Unrecht ihre Stimme erhob, und die in ihrem Herzen nie das Kind vergessen hat, das sie einmal war - und die Kinder als Menschen ernst nahm.
Und allen, die von ihr nur Pippi Langstrumpf kennen, lege ich auch und gerade ihre späteren Bücher ans Herz. Besonders, wie schon einmal erwähnt, die Geschichte der Brüder Löwenherz. Keine leichte Kost, ein Buch, in dem die beiden Hauptfiguren schon ganz zu Anfang sterben. Aber mit dem Tod ist die Geschichte noch längst nicht zu Ende... Lest selbst, wenn ihr es noch nicht kennt. Oder lest es wieder, wenn ihr es als Kinder schon einmal gelesen habt. Man ist nie zu alt für ihre Bücher.
Update:Bei der Tagesschau gibt es diverse Links zu Astrid Lindgren, bei der Süddeutschen Zeitung eine Erinnerung an einen Besuch bei der Autorin.
Sunday, November 11. 2007
Während in diversen Teilen Deutschlands heute das sogenannte närrische Treiben begonnen hat, ist der 11. November in vielen anderen Ländern ein eher ernster Tag.
Am 11. November 1918 wurde im Wagen 2419 der CIWLT in einem Waldstück bei Compiègne der Waffenstillstand geschlossen, der den 1. Weltkrieg beendete. Besonders in den Ländern des Commonwealth, aber auch in Frankreich und Belgien ist dieser Krieg in der Öffentlichkeit viel präsenter als bei uns in Deutschland. Zum Gedenken an die Toten des Krieges wird daher in den angelsächsischen Ländern am heutigen Tag der Remebrance Day begangen. Das Symbol für diesen Tag ist die Mohnblume - als Erinnerung an den Mohn auf den Feldern Flanderns, auf denen im sinnlosen Kampf um kleine Landstreifen viele Soldaten getötet wurden. Der 1. Weltkrieg war der erste "moderne", technisierte Krieg, in dem Waffen wie Panzer, Flugzeuge, aber auch chemische Kampfstoffe zum ersten Mal zum Einsatz kamen.
Für uns heutzutage, die wir jetzt über 60 Jahre (relativen) Frieden genießen dürfen, ist das alles unvorstellbar. Einen kleinen Eindruck mag der Roman "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque geben können. Beklemmender vielleicht ist das Wissen, daß auch heute noch - fast 90 Jahre nach Kriegsende - Bauern in den umkämpften Gebieten Waffen, Munition und sterbliche Überreste auf ihren Feldern hochpflügen.
Das Äquivalent zum Remebrance Day in Deutschland ist der Volkstrauertag, der am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (also zwei Sonntage vor dem 1. Advent, für die nicht kirchlich gebundenen unter meinen Lesern) begangen wird - als staatlicher Feiertag, und in Gedenken der Kriegstoten und der Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen. Leider wird von Wirrköpfen immer wieder versucht, diesen Tag als "Heldengedenktag" zu vereinnahmen. Als ob ein Krieg irgendetwas mit Heldentum zu tun hätte, gar auf der Seite des Angreifers...
Daher auch das so gar nicht zur Jahreszeit und zum Wetter passende Bild - als Erinnerung, als Anstoß zur Beschäftigung mit der Geschichte und als Mahnung, daß diese Dinge nicht unter "es war einmal" abgelegt und vergessen werden dürfen.
Den Anstoß zu diesem Artikel gab diese Bildstrecke in der Süddeutschen Zeitung online.
Monday, November 5. 2007
Nein, den Text zu "Remember, remember..." findet man hier nicht, auch wenn die Rubrik meines Blogs diesen Titel trägt. Aber man kann ihn zum Beispiel in der Wikipedia finden, und dabei gleich noch ein wenig über die Hintergründe der "Pulververschwörung" lesen.
Interessant als Hintergrund vielleicht auch für die, die das Gedicht bislang nur aus dem Film "V for Vendetta" kennen (ein sehr guter Film übrigens - wenn man mit Dystopien umgehen kann, unbedingt sehenswert).
Wednesday, October 31. 2007
Wednesday, October 3. 2007
Alle Welt Ganz Deutschland feiert heute den Tag der Deutschen Einheit. Aber über die Erinnerung an den 3. Oktober 1990 gerät ein anderer 3. Oktober in Vergessenheit, der es auch wert wäre, gefeiert zu werden. Es ist der 3. Oktober 1969. Man könnte ihn als "Tag der Informationsfreiheit" bezeichnen.
Was war denn nun los an diesem dritten Oktober vor 38 Jahren? Der 1. Senat des Bundesverfassungsgerichts erließ einen Beschluß, mit dem die Rechtssache 1 BvR 46/65 entschieden wurde, und der als "Leipziger-Volkszeitung-Entscheidung" in die deutsche Rechtsgeschichte eingehen sollte. Wie der Name schon andeutet, hatte der Fall etwas mit dem kalten Krieg und dem Ost-West-Gegensatz zu tun: Ein Bundesbürger aus Münster hatte sich 1964 zu Informationszwecken Zeitungen aus der DDR zuschicken lassen, und ein Exemplar der Leipziger Volkszeitung war von den Zollbehörden der BRD "[... ] wegen Verstoßes gegen §§ 42, 47 BVerfGG, §§ 128, 94, 90a StGB[...]" beschlagnahmt und eingezogen worden. Mit der Verfassungsbeschwerde rügte der Empfänger einen unzulässigen Eingriff in seine in Art. 5 Abs. 1 GG garantierte Informationsfreiheit. Das Bundesverfassungsgericht sah diesen Eingriff im konkreten Fall als gegeben an, hob den Einziehungsbeschluß auf und verwies den Fall an das zuständige Landgericht zurück.
Wichtig ist diese Entscheidung, weil in ihr erstmals wichtige Grundsätze zur Informationsfreiheit festgehalten werden:
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Saturday, July 7. 2007
Wie schnell die Zeit vergehen kann...
Heute ist es auf den Tag genau 20 Jahre her, daß bei einem Tanklastzug in der Anfahrt auf das hessische Herborn die Bremsen versagten, so daß dieser ungebremst in den Ortskern raste und dort in einer Kurve umkippte. 34.000 Liter Treibstoff traten aus und explodierten - mit drei Minuten Verzögerung.
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